Marokko
Zwischen Steinzeit und Lidl
Weiter ging unsere Tour entlang der Mittelmeerküste. Eine wunderschöne, zerklüftete und fast unbebaute Landschaft. Kleine Fischerboote liegen verstreut in den Buchten, und im grünen Norden scheint die Landwirtschaft ziemlich gut zu laufen.
Da Bier während Ramadan eher schwer zu bekommen ist, machen wir einen kurzen Stopp im Radisson Blu Hotel. Bei fünf Gästen insgesamt fühlt es sich fast ein wenig exklusiv an. Ein Casablanca Bier später wissen wir: Es hat sich gelohnt.
Weiter geht es zur Cala Iris. Der Campingplatz liegt oberhalb der Bucht mit schönem Blick aufs Meer. Früh am Morgen sollen hier Delfine vorbeiziehen – wir nehmen das zur Kenntnis und siehe da, die gibt es tatsächlich. Claudia und Roland kommen auch an, und so bleiben wir noch zwei Tage in geselliger Runde.
Wildcampen ist an der Küste im Norden eher schwierig. Das Militär überwacht die Küste aufgrund der Migration recht konsequent. Die Europäische Union unterstützt Marokko dabei mit jährlich etwa 100–200 Millionen Euro für entsprechende Programme. Ein Teil davon fließt auch in Infrastruktur und Entwicklung – mit der Hoffnung, Perspektiven vor Ort zu verbessern.
Ein Stück weiter finden wir ein kleines Camp direkt am Meer. Die Familie ist sehr herzlich, und am Morgen werden alle Gäste zusammengeholt. Kurz darauf wird klar warum: Ramadan ist vorbei, das Zuckerfest hat begonnen. Der Name ist dabei durchaus wörtlich zu nehmen. Die Freude ist groß, und es wird viel geteilt – vor allem Süßes.
Zwischendurch haben wir immer wieder SpaĂź an der tollen SchwarzkĂĽmmel-Menthol Mischung aus Marrakesh, die einem die Nase frei pustet.
Wir fahren weiter Richtung Atlantik. Auf dem Weg liegt der Cromlech de M’zora mit seinen 167 Megalithen. Unterwegs retten wir noch eine Schildkröte, die schon einiges hinter sich zu haben scheint.
Der Steinkreis selbst wirkt auf den ersten Blick unspektakulär – viele Steine, ruhig angeordnet. Und trotzdem bleibt man stehen und schaut länger hin als gedacht. Vielleicht gerade, weil man nicht genau weiß, wofür er gebaut wurde. Der Ort ist kaum erforscht und mehrere tausend Jahre alt.
Weiter geht es nach Asilah. Die alte portugiesische Festungsmauer und die ungewöhnlich saubere Medina machen die Stadt direkt sympathisch. Ein ruhiger, sehr angenehmer Ort am Meer.
Noch etwas weiter nördlich bleiben wir an einer Lagune und verbringen dort zwei entspannte Tage, bevor es nach Tanger geht. Die Stadt wirkt deutlich europäischer – sauber, belebt und gut organisiert. Ein spürbarer Kontrast. Wir nutzen die Zeit für letzte Spaziergänge und erledigen unsere Einkäufe für die Fähre.
Tschüss Marokko. Dann geht es für rund 50 Stunden nach Genua. Die Überfahrt ist ruhig – abgesehen von den Wellen, die das anders sehen. Gut, dass wir vorbereitet sind. Am nächsten Tag wird es besser, und die Vorfreude auf festen Boden wächst deutlich.
Angekommen in Genua geht es erst einmal zu Lidl. Die Auswahl wirkt nach der Zeit in Marokko fast ungewohnt groß. Vieles, was man braucht, an einem Ort zu finden, hat durchaus seinen Reiz. Vergleichbares gibt es in Marokko vor allem bei Carrefour – allerdings zu anderen Preisen, mit anderer Auswahl und auch nicht überall zu finden.
Das Wetter ist warm, wir sind zufrieden und warten auf unsere Freunde aus der Heimat, die am nächsten Tag dazukommen werden.
Von der WĂĽste zum Schweizer Landy-Stammtisch
Mit Pia und Vince sind wir noch zu einem schönen Aussichtspunkt gefahren. Danach gab es noch ein gemeinsames Mittagessen, bevor sich unsere Wege wieder trennten und wir alleine weiterzogen.
Erster wichtiger Programmpunkt: Bier organisieren. Also kurz im 5-Sterne-Hotel vorbei – rein aus logistischer Notwendigkeit natürlich –, denn Bier gibt es hier ungefähr so selten wie Schattenbäume. Danach ging es auf die Piste Richtung Boudnib.
Wir fuhren durch ein altes Flussbett und entdeckten dabei eine sehr schöne, auffällig gelbe Felsagame. Unterwegs stoßen wir auch wieder auf Friedhöfe. Sie bestehen aus zwei oder drei hochkant aufgestellten Steinen – am Kopfende, am Fußende. Mehr nicht.
In Boudnib konnten wir noch ein paar Kleinigkeiten einkaufen. Momentan ist das wegen des Ramadan etwas schwieriger, da tagsüber vieles geschlossen ist. Gut, dass wir immer genügend Vorräte dabeihaben.
Weiter ging es auf die Piste des Col de Belkassem. Wir fahren durch ein kleines Oasendorf und nach ordentlich vielen Querrillen – unser Auto wurde dabei gründlich durchgeschüttelt – schlafen wir schließlich ruhig am Rand eines trockenen Flussbettes.
Am nächsten Tag ging es über den Kamm. Die Straße wird nicht mehr gepflegt, weil es inzwischen eine Umgehung gibt. Aber der „Dicke“ klettert bravurös die steinernen Stufen hinauf. Die Abfahrt dagegen: völlig entspannt.
Von Beni Tajjite entscheiden wir uns gegen eine weitere Piste und fahren Richtung Nador, allerdings über die östliche Route. Unterwegs entdecken wir noch Steinmalereien, während der Wind den Sand ordentlich durch die Gegend fegt.
Nach einem Mittagessen fahren wir durch absolutes Ödland. Da gibt es nichts. Und dahinter noch mehr nichts. Nicht einmal eine Tankstelle. Ab und zu sehen wir kleine Lehmhäuser oder Zelte von Beduinen, die hier draußen mit ihren Ziegen und Schafen leben.
Die Landschaft wird immer karger und der Wind weht stark. Weiter nördlich stoßen wir plötzlich auf große Flächen mit angepflanzten Pinien und Zedern. Riesige Pflanzungen, die helfen sollen, Bodenerosion zu verhindern, Wüstenbildung zu bremsen, Weideland zu stabilisieren und Holzressourcen aufzubauen. Ein beeindruckender Anblick – mitten im Nichts.
Wir fahren weiter Richtung Debdou, ein Ort, aus dem frĂĽher viele Rabbiner stammten. Und hier sehen wir zum ersten Mal wieder etwas grĂĽne Vegetation.
In Taourirt sind wir ziemlich platt. Die Stadt wirkt überraschend modern. Gleichzeitig ist sie fast leer – die Sonne geht gerade unter und die Menschen sind zu Hause beim Essen.
Wir fahren noch etwas weiter nördlich zu einem See. Es ist bereits dunkel. Kaum öffnen wir kurz die Autotür, haben wir sofort eine Mückeninvasion im Auto. Im Hintergrund hören wir Tausende Frösche.
Also fahren wir wieder ein Stück höher, erledigen die Mücken und fallen todmüde ins Bett.
Am Morgen sind wir sehr früh wach und beschließen spontan, einfach weiter ans Meer zu fahren. Wir steuern einen Camping an, denn wir haben seit 4 Tagen nicht geduscht, unmöglich bei dem Wind. Nach etwa zwei Stunden erreichen wir einen kleinen Campingplatz am Meer und treffen prompt ein paar Schweizer mit ihrem Land Rover.
Dabei bleibt es allerdings nicht. Kurz darauf kommt noch ein Schweizer Pärchen mit ihrem Landy, und später am Nachmittag gibt es ein großes Wiedersehen mit Roland und Claudia – ebenfalls aus der Schweiz. Wir hatten uns beim Pistenkuh-Treffen Zagora kennengelernt und vergessen, unsere Nummern auszutauschen. Aber da sind sie wieder.
Der Abend endet mit viel Palaver.
Und so stehen wir nun hier – mitten im geheimen Landy-Treffen der Schweizer.Â
Von Drachenland bis Schlafplatzflucht – Abenteuer zwischen Ouarzazate und Erfoud
Von Ouarzazate ging es weiter nach Tinghir und ab dort ĂĽber die Piste Richtung Alnif. Am Abend war es so kalt und frostig, dass die Landschaft aussah, als hätte jemand versehentlich den Drachen-Modus aktiviert.Â
Am nächsten Morgen dann die Überraschung: Sonne, Wärme und plötzlich sah alles eher nach Postkarte als nach Fantasyfilm aus.
In Goulmima stand erst einmal das an, was Overlander besonders lieben: Wäscheberge bekämpfen. Während wir also Socken und Staub aus der Wüste entfernten, nutzte der Mann die Gelegenheit, den Getriebetunnel auszubauen – ganz normale Urlaubsaktivität eben. Ziel: unsere Rückfahrlichter wieder anschließen.
Ergebnis: Rückfahrlichter funktionieren wieder! Und als Bonus ging plötzlich sogar die Differentialleuchte wieder.
Kurz darauf meldeten sich Pia und Vince, die wir zu Beginn unserer Reise an der Küste schon einmal getroffen hatten. Sie wollten ebenfalls zu den Monumenten von Hannsjörg Voth fahren. Perfekt! Also trafen wir uns bei den alten Wassersystemen zur Bewässerung der Oasen.
Es wurde ein richtig schönes Wiedersehen – mit Tee, Tajine und dem Guide Said, der das Ganze organisiert hatte.
Am nächsten Tag kletterten wir in die alten Wassergräben hinunter und bekamen eine spannende Führung. Danach ging es mit unserem Dicken und Pia und Vince mit ihrem LKW – alias Bruce – hinaus in die Wüste zu den Monumenten.
Erster Stopp: Die Spirale. Leider kann man die Monumente heute nicht mehr von innen betreten, aber ein freundlicher Guide zeigte uns Fotos vom Inneren. Fast genauso gut – und deutlich weniger Treppensteigen.
Auf halbem Weg zu den Gebäuden des Orion passierte dann das, was bei solchen Touren irgendwie dazugehört: Bruce verbuddelte sich im Sand.Â
Nach etwas Buddeln, Lachen und wahrscheinlich auch ein paar kreativen Flüchen beschlossen wir: Für heute reicht’s.
Wir fanden ein traumhaftes Lager direkt vor einem der Monumente. Dromedare zogen vorbei, die Wüste lebte: Mäuse freuten sich über unsere Karotten- und Paprikareste, Ameisen arbeiteten im Akkord und Käfer waren ebenfalls unterwegs. Ein echtes Naturkino.
Am nächsten Tag stand die Himmelstreppe auf dem Plan. Pia und ich wollten sie natĂĽrlich erkunden – allerdings wollte jemand dafĂĽr Geld sehen. Die Männer entschieden deshalb sehr pragmatisch: Von hier sieht sie auch schön aus.Â
Danach versuchten wir, Bruce durch einige trockene Flussbetten zu manövrieren. Nach mehreren Versuchen wurde klar:
10 Tonnen LKW und sandige Hänge sind keine perfekte Kombination. Unser 3,5-Tonner „Dicker“ fährt solche Stellen einfach hoch – Bruce denkt vorher lieber noch einmal darüber nach.
Also zurĂĽck auf die sichere Piste, noch schnell einen Tee bei Said, und dann auf die Suche nach einem neuen Schlafplatz.
Kurz vor Erfoud fand Vince einen Stellplatz. Leider fanden uns dort auch die Kinder aus der Umgebung – und zwar eine ganze Bande. Sie hatten Hunde dabei, waren nicht sehr freundlich und wollten alles haben.
Nach kurzer Beratung beschlossen wir: Campingplatz klingt plötzlich fantastisch.
Dort stehen wir nun, der Wind pfeift ordentlich, und wir haben beschlossen, einfach noch eine Nacht hier zu bleiben.
Man muss schlieĂźlich auch mal Pause machen – besonders nach Drachenlandschaften, WĂĽstenkunst, Kindergangs und einem LKW namens Bruce, der gelegentlich lieber im Sand schläft.Â
Heute gibt es Chili con Carne, was will man mehr?!
Allrad trifft Allwetter
Campingplatz in Sidi Ifni – oder wie wir es nennen: „Klassentreffen mit Meerblick“.
Kaum standen wir, tauchten sie auf. Werner und Marianne aus Rickenbach. Werner fährt im Schwarzwald Forst einen Defender. Natürlich fährt Werner Defender.
Ein paar Meter weiter: Egge aus Berlin. Trampt durch die Welt. Ohne Plan, aber mit diesem Blick von „Das Universum regelt das schon“. Egge braucht keinen Defender. Egge hat Vertrauen.
Und dann trafen wir Robert wieder. Man fährt einmal quer durch Marokko und begegnet sich häufiger als im heimischen Supermarkt.
Nach Sonne, Meer und dem Gefühl, alles im Griff zu haben, schickte uns das Wetter zurück nach Tafraout. Regen fühlt sich an, als hätte jemand die falsche Kulisse aufgebaut. Dort standen wir auf einem riesigen Platz – neben uns: Hamelner Kennzeichen. Natürlich. Man kann 3.000 Kilometer fahren, aber Hameln fährt mit.
Dieter und Juliana stiegen aus. 75 Jahre jung. Sind 1975 mit einem T1 durch Afrika gefahren. Mit einem T1! Heute braucht man für dieselbe Strecke Satellitentelefon, Offroad-Reifen, YouTube-Tutorials und emotionale Stabilität. Damals: „Wird schon.“ Und es wurde.
Gemeinsam zu den bunten Felsen – den berühmten Painted Rocks von Jean Verame. 20.000 Tonnen Farbe! Ich kriege nicht mal meine Wohnzimmerwand ohne Farbnase hin, und der Mann färbt einfach ein halbes Gebirge ein. Respekt.
Weiter ging’s ins Teppichgebiet der Berber. Wir wollten nur „mal schauen“. Dieser Satz ist international anerkannt als Beginn einer Kaufentscheidung. Zehn Minuten später saßen wir auf dem Boden, tranken Tee und besaßen plötzlich einen Läufer. Er hat uns ausgesucht. Ganz klar.
Regen. Also nochmal nach Ouarzazate. Und jetzt kommt der Luxus: kleines Zimmer auf dem Camping. Mit Toilette. Mit Dusche. Für 25 €. Ich stand unter dem warmen Wasser und hätte fast applaudiert.
Eigentlich wollen wir wieder ins Gebirge. Aber dort gibt’s wohl Schneeregen. Also mal sehen wo es nun hin geht.
Schalen, Sand & Schieflage
Wir standen am Strand. Nicht auf Sand. Nicht auf Kies. Sondern auf ungefähr acht Milliarden Schnecken- und Muschelschalen.
Kurz fühlten wir uns wie in einem Meeresmuseum ohne Eintrittskarte. Dabei hat das Ganze einen ziemlich epischen Hintergrund: Früher war hier Meer. Der Meeresspiegel war höher, das Wasser kam weiter rein – und als es sich wieder zurückzog, hat es einfach alles dagelassen. Was heute 10–30 Meter über dem Meer liegt, war früher erste Reihe mit Wellenkontakt.
Am Tag drauf fuhren wir weiter. Weil: Strandpiste. Atlantik. Freiheit. Und weil man bei solchen Aussichten einfach nicht umdreht.
Die Abfahrt war… sagen wir… sportlich. Wir standen schiefer als ein schief aufgehängtes Bild im Altbau. Aber der Mann blieb cool. Lenken. Gas. Gefühl. Zack – „der Dicke“ war wieder gerade. Ich hingegen brauchte erstmal Pulsregulierung.
Mittagessen am Meer. Traumhaft. Nur die kleine Frage: Kommt die Flut und nimmt uns einfach mit? Bevor wir unfreiwillig zu Atlantikbewohnern wurden, fuhren wir lieber wieder hoch.
Und dann kam sie: Die legendäre Strandpiste. Oben auf dem Kies – alles easy. Unten dann: Plage Blanche. Oder wie wir sie nannten: „Plage Ordures“.
Was da alles liegt! Kanister, Fischernetze, Flaschen, Schuhe… Wenn man lange genug sucht, findet man wahrscheinlich noch einen verlorenen Toaster. Das Meer hat offenbar ein sehr eigenwilliges Deko-Konzept.
Wir fuhren weiter Richtung SĂĽden. DĂĽnen vor uns. Lagunenwasser links. Atlantik rechts. Abenteuer hinten. Mehrfach ausbuddeln inklusive.
Irgendwann beschlossen wir, die Bauernspur zu nehmen. Von oben sah alles halb so wild aus. Unten war es dann… weniger halb. Aber: Wir wollten sicher stehen. Nachtlager. Fertig.
Lagerfeuer an. Kochen. Bierchen. Sonnenuntergang. Absolute Magie. Und dann…Mücken. Nicht ein paar. Eine organisierte Luftwaffe.
RĂĽckzug ins Auto. Film an. Fenster zu. WĂĽrdevolles Scheitern.
Zwischendurch kam noch das Militär vorbei. Pässe fotografiert. Freundlich genickt. Weitergezogen.
Statt weiter nach Tan-Tan entschieden wir uns fĂĽr Sidi Ifni. Und das war Gold richtig.Â
Sidi Ifni – kleines Paradies. Ruhig. Surfer. Sauberer Blick aufs Meer. Wäsche weht im Wind wie in einer Shampoo-Werbung.
Wir zufrieden. Auto sandig. Herz voll.
Safran, Schlangen & Special Price – Unser Marrakesch-Wahnsinn
Unsere Reise begann ganz stilvoll im Safranparadies von Christine Ferrari nahe Marrakesch. Eine Baslerin, die sich dachte: „Schweizer Präzision, aber bitte mit Safran und Sonne.“ Sie hat sich dort wirklich ein kleines Paradies geschaffen. Wir bekamen eine Kneippkur – plötzlich wateten wir motiviert durchs kalte Wasser – und durften uns anschließend durch köstliche Snacks probieren. Natürlich verließen wir das Anwesen nicht ohne Safran.
Danach ging es auf einen Campingplatz bei Marrakesch. Erstmal ins Hamam – einmal gründlich durchgeschrubbt, bis selbst die letzten Reisegedanken abgeblättert waren – und anschließend eine Massage. Wir fühlten uns danach wie neu foliert.
Bei unseren Spaziergängen traf uns dann der emotionale Tiefschlag: ein kleiner Welpe. Am nächsten Tag waren es zwei. Zwei hungrige, flauschige Herzensbrecher. Wir hätten sie am liebsten eingepackt. Stattdessen spendierten wir ihnen zumindest eine Wurmkur. Nicht ganz Adoption, aber immerhin medizinische Unterstützung auf Zeit. Unser Herz blieb trotzdem bei ihnen zurück.
Nach drei Nächten holten wir Toni und Luca vom Flughafen ab, bezogen ein Riad nahe der Medina und kurz darauf kam auch Eva dazu – jetzt war die Reisegruppe komplett. Also rein ins Getümmel von Marrakesch.
Diese Stadt ist wie ein Dauerverkauf mit Lautsprecher. Überall hört man: „My friend! Special price!“ Und dieses „Special“ scheint flexibel dehnbar zu sein. Angeblich ist alles handgemacht, original und selbstverständlich das letzte Stück dieser Art auf dem gesamten Kontinent. Wer nur Marrakesch kennt, glaubt irgendwann wirklich, dass jeder Händler einen Künstleronkel im Hinterzimmer sitzen hat.
Die Paläste beeindruckten mit wunderschönen Mosaiken und filigranen Gipsverzierungen – architektonisch ein Traum. Nur Möbel scheint man dort nicht zu kennen. Im Vergleich zur Alhambra fehlte uns ein bisschen das wohnliche Extra.
Auf dem berühmten Platz Djemaa el Fna begegneten uns Schlangenbeschwörer, Affen mit Kostümen und Essensstände in allen Variationen. Aus dem Gerberviertel zog ein Duft herüber, der selbst unserer abgehärteten Reise-Nase kurz die Kündigung nahelegte. Vor unserer Unterkunft fand regelmäßig Markt statt – eine Art kreatives Recyclingzentrum. Vieles kaputt, aber offenbar noch voller Möglichkeiten. Es ist unser europäischer Sperrmüll.
Kurz vor Abreise stießen auch Addi und Steffi aus der Wüste zu uns. Steffi flog zurück nach Berlin, während Addi sich mit ordentlich Tempo Richtung Stuttgart aufmachte.
So anstrengend Marrakesch auch war – mit Freunden ist selbst das Chaos ein Erlebnis. Luca und Toni krönten alles noch mit einer spektakulären Ballonfahrt. Nach neun Tagen waren wir dann aber doch bereit für weniger Trubel und mehr Natur.
Nach langer Fahrt erreichten wir schließlich den Strand südlich von Agadir. Meer, Wind, Ruhe. Keine Preisverhandlungen. Keine Kobras. Nur Wellenrauschen – und ganz viel Erleichterung.
Ouarzazate, Hollywood, Moses & HĂĽhnchenspieĂźe
Wir fuhren nach Ouarzazate. Schon auf dem Weg hatten wir unseren ersten Moment für die Kategorie „kleine Geste, große Wirkung“: Ein Ziegenhirte stand am Straßenrand und zeigte verzweifelt auf seine leere Flasche. Wasser überreicht – Hirte glücklich – Karma-Konto aufgefüllt.
In Ouarzazate angekommen, schlenderten wir durch alte Lehmmauern, die aussahen, als hätten sie schon mehr Filme gesehen als wir zusammen. Danach ging’s ins Kino-Museum. Abends gab es Pizza (Hollywood-Diät) und wir fuhren hinter die Atlas Studios zum Schlafen. Stilvoll. Fast.
Am nächsten Tag dann: Filmgeschichte zum Anfassen. In den Atlas Studios wurden Game of Thrones, Kleopatra, Gladiator, Queen of the Desert und gefühlt die halbe Menschheitsgeschichte gedreht. Die Kulissen sind so aufwendig, dass man sich fragt, warum man überhaupt noch nach Rom, Jerusalem oder ins alte Ägypten reisen sollte – Ouarzazate reicht völlig.
Viele Marokkaner spielten hier als Nebendarsteller mit. Wir bekamen sogar eine EinfĂĽhrung in die KamerafĂĽhrung. Sehr professionell. Sehr lustig. Sehr wenig Talent unsererseits.
Highlight des Tages: Ein Amerikaner, verkleidet als Moses, lief mit einer Wasserflasche ĂĽber den Marktplatz. Ironie-Level: biblisch.
Danach fuhren wir noch zur alten Horror-Tankstelle, wo The Hills Have Eyes gedreht wurde. Unser Dicker lief mit einem Kamelknochen herum und sah so authentisch aus, dass man ihn direkt als Statisten hätte buchen können. Ohne Maske. Ohne Drehbuch.
Weiter ging es nach Aït Ben Haddou, ein wunderschönes Lehmdorf, in dem noch sechs Familien in der Kasbah leben. Wenn hier gedreht wird, ziehen sie einfach aus und machen zwei Wochen Urlaub. Ehrlich gesagt: bester Deal ever. Auch hier wurden Game of Thrones und Gladiator gedreht – offenbar war halb Hollywood schon hier, nur wir waren spät dran.
Das Dorf ist so bekannt, dass täglich Kleinbusse voller Menschen aus Marrakesch angekarrt werden. Wir waren schlau, früh unterwegs und fertig, bevor die Invasion begann. Pro-Tipp: immer schneller sein als die Reisegruppen mit Basecap.
Dann ging es die wunderschöne Straße nach Télouet hinauf. Eigentlich wollten wir die Kasbah anschauen. Tatsächlich stiegen wir aus und sollten sofort Teppiche, Souvenirs und vermutlich auch noch eine Ziege kaufen. Jeder redet gleichzeitig auf einen ein. Am Ende retteten wir uns mit einem Cappuccino und fuhren einfach weiter über den Pass.
Zum Abschluss: HĂĽhnchenspieĂź am StraĂźenrand (immer eine gute Idee), Parkplatz in einer kleinen NebenstraĂźe, schlafen.
Eine herrlich ruhige Nacht. Keine Händler. Kein Moses. Kein Filmteam. Perfekt.
